unkultur

Fachmagazin für nekromantischen Materialismus.

Einmal Dämonenfrass rot-weiß, bitte. Evil Dead (2013)

Ein Abend mit Erlebniskino im Wedding. Glücklicherweise ist die Gruppe Post-Pubertierender hinter uns irgendwann so vom Cola berauscht, dass die unablässige Kommentiererei eingestellt wird. Exzellent. Bruce Campbell, der in den ersten 3 Teilen die Hauptrolle Ash spielte, hat den Film mitproduziert (dito Sam Raimi). Der weitgehend unbekannte Regisseur Fede Alvarez führt Regie.

Evil Dead II war ein Remake des ersten Teils (mit den grandiosen Knetfigur-Effekten). Jetzt nochmal das Ganze aufrollen? Ash wiederbeleben? Ash ist zu sehr auf Bruce Campbell, das Unterfangen wäre zum Scheitern verurteilt. Aber an sich folgt nochmal die Geschichte, mit leichten Abwandlungen. Also: 5 Teenager fahren in eine einsame Hütte im Wald. Am Ende ist das Böse besiegt und die Sonne scheint wieder. Dazwischen liegt feinste Unterhaltung mit Scream Bloody Gore. Verbrennungen, Lebendbegräbnisse, Verstümmelungen von Mensch und Tier, Blutregen und ein in Menschenhaut gebundenes Buch. Ziel ist den seelenfressenden Dämon, den der depperte Hipster aus intellektueller Neugier erweckt, wieder in seine angestammte Astraldimension zurückzuschleudern.

Glücklicherweise liegt das sumerische Buch der Toten in der englischen Übersetzung mit vielen bunten Bildern vor und so gestaltet sich das Rufen des Bösen recht einfach. Ein paar Autocrashs und mit Hilfe eines Baumes bemächtigt sich dann das Böse der Junkie-Frau auf kaltem Entzug. Gequälte Seelen, und der Hinweis auf die tote Mutter in der Klapse darf auch nicht fehlen, ist ja eine beliebte Figur im Horrorgenre: Dämonen wohnen mit Vorliebe da, wo der Dachschaden eingeknastet haust (siehe etwa auch Grave Encounters). Es geht um Schuld, weil das Begräbnis der Mutter verpasst wurde und irgendwie wird hier die Familiengeschichte mit dem belasteten Verhältnis von Bruder und Schwester aufgearbeitet.

Mit allerhand Werkzeugen beginnt dann der Exorzismus an den eigenen Leibern: wir müssen das Böse aus uns Herausschneiden. Gore tendiert oft zum Humoresken. In diesem Fall nicht, den Comedy-Faktor von Army of Darkness sucht man hier vergeblich. Dafür gibt es durchaus Anleihen an "The Ring", statt Vergewaltigung durch Baum gibt es eine Art umgekehrte Geburt mit Haaren (ja, genau so). Das kann man durchaus als Akzentverschiebung zum Weiblichen sehen, denn der finale Bossfight findet dann auch zwischen Frauen statt. Das soll es dann aber auch an Spoiler-Alarm gewesen sein. Irgendwie muss man ja das Kunststück schaffen, den Film auf heute zu adaptieren und gleichzeitig die Vorgänger nicht zu schänden. Wobei das so Unmöglich ist, wie eine Punkband von 1979, die bis heute auf der Bühne steht. Damals mit dem Elan der Jugend angetrieben, heute alte Männer, die ihr Lebenswerk verteidigen. Man kann es eigentlich nur falsch machen, trotzdem gelingt es auf wundersame Art und Weise. So auch in diesem Fall. Die bahnbrechenden Effekt, etwa die Kamerafahrten durch den Wald), funktionierten damals (1987), weil sie neu und ungesehen waren. Die Geschichte lässt sich kaum zurückdrehen. Dafür wird heute solide auf echtes Kunstblut statt auf 3D-Animationen gesetzt.

Ich hadere an einigen Stellen, ob die deutsche Synchronfassung den Fremdscham-Bereich in meinem Cortex aktiviert. Deutsch eignet sich nicht für Fluchen im Stil "Du Schwanzlutscherin", es mag aber auch an Intonation liegen.
Gute Unterhaltung im oberen Bereich, die Popcorn-gestählten Körper wanken ins nächtliche Wedding.

http://www.imdb.com/title/tt1288558/

18 May 2013 at 12:16 - Comments

Gestehen Sie gefälligst!

Facebook hat aktuell eine Kampagne gegen mich gelauncht. Ja, eine richtige Verschwörung, nur gegen mich (und vermutlich noch in ähnlichen Fällen gegen viele andere). Die Sache ist idiotisch, aber irgendwie vergeht mir das Schmunzeln darüber. Es gewährt eher die Einblicke in die subtilen Manipulationsmethoden der Macht.

Aber wie folgt: ich habe bis dato meinen Wohnort nicht in den persönlichen Daten eingetragen. Das war jahrelang eigentlich kein Problem. Auf einmal möchte Facebook unbedingt von mir bestätigt haben, wo ich wohne.

Warum eigentlich? Es wäre ein leichtes, bei einer Freundschaftsanfrage oder zu einem sonstigen Anlaß einem der Freunde die Infos über mich abzufragen. Oder Suchergebnisse von Suchmaschinen auszuwerten. Die Informationen wären andersweitig zu erlangen. Das wird aber nicht getan. Im Stile der Inquisition oder des Geständnis geht es darum, dass ich diesen Akt der Bezeugung durchführen soll. Dazu werden sich immer neue Methoden ausgedacht. Etwa fingierte Umfragen. "50% deiner Freunde stamme aus Stadt x, 30% stammen aus Stadt y… und du stammst aus?". Netter Versuch. Als nächstes tauchen in der Timeline fingierte Ergebnisse auf "Freundin x und Freundin y hat ihren Wohnort zu [hier deine Stadt einsetzen] geändert." Ich bin mir relativ sicher, dass diese Freundinnen nichts dergleichen unternommen haben. An der Stelle greift ein sehr einfacher Mechanismus: ich werde stinksauer, weil ich angelogen werde. Ditto mit als Likes-getarnte Werbeanzeigen, in denen Freunde angeblich Produkte, Firmen oder Dienstleistungen mit "like" markierten (gibt es zwar auch, manchmal aber nicht). Zurück zum Text: Es werden verschiedene Methoden ausgetestet, alle sehr subtil und eher beiläufig platziert.

Das Gequatsche von Stasi 2.0, hier auf die Privatwirtschaft bezogen, kann man sich sparen. Man findet hier als Anschauungsobjekt in etwa 100% reiner Form genau das, was Michel Foucault unter Macht versteht.

Mein stille Hoffnung ruht darin, dass in 3-20 Jahren sich die Casa Facebook erledigt hat, und ein riesigen Sondermüllfriedhof an Daten hinterlassen hat. Facebook – das Datengrab von morgen. Mögen eure Server an Katzenmemen, Urlaubsfotos, Geburtstagsglückwünschen und anderen menschlichen Ausdünstungen ersticken. In etwa so, als würde ich Rülpsen und Furzen in Einmachgläsern konserviert aufbewahren. Viel Spaß damit.

8 May 2013 at 10:28 - Comments

Anmerkungen zu “Music Of The Living Dead. Über die Angleichung von Leben und Tod im Brutal Death Metal.”

Vortrag mit Patrick Viol am 1.4.2013 im Laidak, Berlin. https://www.facebook.com/events/487818217940858/

Historisch Einordnung: nicht so recht vorhanden. Irgendwann war Heavy Metal ja lebendig und es wurden Grenzen verschoben – es gab einen Moment der Avantgarde. 1980 gab es noch kein Album wie "Eaten back to life" von Cannibal Corpse. Und 2013 mag auch "Brutal Death Metal" nicht mehr so richtig zu schocken. Cannibal Corpse versuchten ja nicht die Charakteristiken von Heavy Metal, die bis dahin existierten, peinlich genau zu erfüllen. Bei allem was unter Thrash Metal läuft, ist dieser Fakt noch augenscheinlicher: Slayer haben ästhetisch recht wenig mit Suicidal Tendencies zu tun. Das Etikett wird von draußen aufgepappt, und Journaille und Fans machen es sich einfach. Ich erkenne erstmal an, dass diesen Stilbezeichnungen ein Erkenntniswert immanent ist. Nur: sobald der Stil ausgerufen ist, ist der Zombie erschaffen und die Musik west untot fort. Die ästhetischen Neuerungen liegen in der Vergangenheit und werden nur noch stumpf wiederholt, der Stil ist zu einer Gießform erstarrt. Bands wollen fortan wie Brutal Death Metal klingen. Warum nicht mal ein Xylophon als Instrumentierung mit reinpacken? Das wäre pfui, schließlich gibt es wie bei den Prepper klare Vorstellungen von der guten Technik (gegen Mikrofone hat man nichts und auch Synthesizer-Intros mit Sampling dürfen auf das Album drauf) und der bösen, schändlichen. Wahrscheinlich benötigt man mehr Studiotechnik um eine Death Metal-Band aufzunehmen, als einen Techno-Track zu erstellen. Heavy Metal (und das in allen Spielarten) ist strukturkonservativ – bloß keine Abweichung vom vorgegebenen Schema. Trotzdem hören sich nicht alle Bands heute wie Led Zepplin und Black Sabbath an. Irgendwo muss sich dann der Fortschritt ja doch ereignet haben, den eigentlich keiner will.

Angleichung an die Maschine: das erschien dann doch ein bißchen als Überinterpretation, die von außen auf die Subjekte (Mucker und Fans) projiziiert wurde. Auch Justin Bieber Fans unterliegen dem Kapitalverhältnis, und da ist nix mit Maschine – Körper etc. Zu Techno wurde da in den 1990er Jahren Unmengen an Analysen produziert. Und da liegt der Vergleich mit der Maschine auf den ersten Blick mit dem durchbollernden, von Sequenzern und Algorithmen getaktetem Sound näher. Und auch Justin Bieber und seine Fans stehen unter dem Kapitalverhältnis. Und vielleicht ist das heute die Avantgarde: Musik, bei der es nicht mehr um Musik geht. Und selbst diese Erkenntnis ist nicht so taufrisch.

Cover-Artwork: Diese stammen von bildenden Künstlern und sind Auftragsarbeiten (wenn nicht von den Musikern selbst gezeichnet). Ästhetisch betreibt hier Death Metal wie Sampling eine Zweitverwertung von Ideen, die in anderen Medien – Horrorfilmen – durchexerziert wurden. Die Entwicklung findet hier extern statt, im Genre Film wird auf Festivals durchaus noch "Neuerung" als Stilmittel von Kunst definiert, und nicht alle Merkmale von Kunst auf technisch-virtuose, handwerkliche Fähigkeiten reduziert. Und hier erübrigt sich auch der Begriff "Szene". Ich muss mich keiner Szene zuordnen und brav die richtigen T-Shirts kaufen, um mir Eli Roths "Hostel" anzusehen. Filme verlangen kein Bekenntnis. Und z.B. mit "The Walking Dead" marschieren die Untoten zur besten Sendezeit durch das TV-Abendprogramm. Die Schmuddelecke war schon immer Teil der bürgerlichen Gesellschaft, nur sind heute jegliche moralische Grenzen nivelliert. Man wird vermutlich eher schräg dafür angesehen, als ob man unangenehm riechen würde, mit der Aussage "ich sammle Briefmarken" als mit "ich verbringe mein Freizeit im Swinger-Club" oder wahlweise "ich höre Brutal Death Metal".

2 April 2013 at 08:15 - Comments

Grobe Kelle

"Die "soziologische Betrachtungsweise" gehört einem akademischen Betrieb zu, dessen Ende wir nicht betrauern. Auf das, was bei der Zuordnung von Stilarten und anderen "generellen Momenten" zu "gesellschaftlichen Begebenheiten" herauskommt, sind wir nicht neugierig. Dafür, daß die Nazis uns vor weiteren Habilitationsschriften dieser Art bewahren, von denen wir vor Torschluß noch einige kennen gelernt haben, sollte man ihnen Dank wissen."

(Brief Max Horkheimer an Hans Mayer, 23.3.1939) aus: "Mit den Ohren Hören" Hrsg. Klein/ Mahnkopf

18 February 2013 at 23:03 - Comments

Regional / Damals / Heute

Es war zumindest eine zeitlang interessant. Das waren die ersten Punkbands (zumindest das, was in der westdeutschen Provinz unter "Punk" verstanden wurde), mit denen man in Berührung kam. Und das in einer Phase, wo man nichts anderes kannte und alles irgendwie neu und furchtbar aufregend war. Erinnerungen an die allerersten Konzerte und Vollsufferfahrungen; in Schalterräumen von Kreissparkassen auf dem Dorf herumlungern und die Band hören. Irgendwann kam man dann aber an das richtig harte Zeug dran (via Dead Kennedys zu Crass etc.) und als dann die autonomen JUZs und AZs als Konzertorte entdeckt wurden, war es vorbei mit Rockbands, die unter dem Label "Punk" segelten. Heute macht man so einiges mit, befremdlich ist es trotzdem: Türsteher in miesen C&A-Anzügen wie von Martin Sonneborn erträumt, dazu blinkenden Lichtshows auf der Bühne. Jugendliche sucht man auf einem Punkrock-Konzert wie diesem vergebens, ich komme mir schon wie einer der Jüngsten auf dieser gefühlten Ü40-Veranstaltung vor. Wie Johnny Hauesler in der brand eins 1/2013 schreibt: Jugendliche haben heute überhaupt keine Chance auf Konzerte zu gelangen bei horrenden Eintrittspreisen mit fälschungssicheren Tickets und Überwachung durch Kameras und Türsteher. Dafür gibt es eine Ecke vor dem Backstage mit Kindern und Frauen von Bandmitgliedern (gefühlt: ein ganzer Kinderhort ist hier am Start). Wo stecken denn die Jugendlichen dieser Stadt heute? Jedenfalls nicht hier. Irgendwie ist das auch nicht Retro, sondern ein fortführen des Gleichen wie damals mit demselben Lebensgefühl.

Die Band war auch eher so ein regionales Ding mit ihrem Lokalpatriotismus, von dem außerhalb nie jemand was wissen wollte. Ich erinnere mich noch an die CD von dem Abschiedskonzert 1991 in derselben Location. Damals war das Ableben einer Band noch eine Option, heute ist das undenkbar: einmal da, immer da. Wahrscheinlich gibt es in 10 Jahren dann auch das 40-jährige Bandjubiläum in derselben Halle. Mit demselbem Publikum, alle plus 10 Jahre älter. Rockmusik ist beharrlich und mit dem Anspruch auf Ewigkeit ausgestattet.

Die Band schreibt sich rückwirkend um als Fußballband. Die Trackliste war 1991 schon ansatzweise gleich. Außer, dass heute noch ein paar Fußball-Lieder dazu gekommen sind. Ob im Publikum damals auch schon so viele Fußballtrikots vertreten waren? Ich hatte die Konzerte nur außerhalb dieser Stadt erlebt, da gab es keine Fußballtrikots. Heute wirkt das teilweise dubios, wenn Ansagen kommen wie "… damals im Spiel gegen Barcelona 1993″. Und Songs über Fußballspieler der späten 80er Jahre. Ob es unter Fußballfans auch Retro-Trends gibt und sich historische Spiele auf den letzten erhaltenen VHS-Tapes angesehen werden?

Und Lieder zu einer Katastrophe auf einer Fliegershow in den 80er Jahren gespielt werden (das war noch lange bevor eine Band mit Ortsnamen dieses Ereignis zu ihrem Gründungsmythos erklärte). So eine Bezugnahme hat was von "Tagesschau vor 20 Jahren". Nochmal schön Parolen rufen zu Ereignissen, die keinerlei Relevanz mehr für die Gegenwart haben. Und sich wie in den 80er fühlen. Da dann aber das nächste Lied gleich von den ersten Erfahrungen beim Küssen handelt, wird es nicht zu betroffenheitslyriklastig.

Hier pocht das Herz der Sozialdemokratie. Ich würde gerne wissen, wie viel Prozent der Anwesenden Opel fahren. Schwitzige, klobige 120-Pfünder bringen ihr Hüftgold zum Schwingen und Klatschen teilweise rhythmisch wie im Musikantenstadl mit.
Andererseits: Sozialdemokratie als breit angelegte Zivilisierungsmaßnahme. Hier skandiert der Mob nicht "Fußball, Ficken, Alkohol" und auch "Amis go home" würde man hier nie brüllen. Mal vereinzelt ein Frei.Wild T-Shirt, das war´s dann aber auch mit politischem Obskurantismus. Schließlich ist der eine Sänger auch Sohn einer ehemaligen Kultusministerin (SPD) des Landes. Es gibt eine Ansage, die zur Krebshilfe und zur Anti-Nazi-Initiative aufruft. Wie Fußballrentner dann in der 87. Minute noch während der letzten Zugabe nach Hause, bevor alle zum Parkplatz rennen, um dem Stau zu entgehen.

2 January 2013 at 15:50 - Comments

Simon Reynolds spricht im Monarch

Das Buch "Retromania" des Musikjournalisten Simon Reynolds ist in der englischen Version bereits 2011 erschienen. Die deutsche Übersetzung im Ventil Verlag ist soeben rausgekommen und zu diesem Ereignis wurde eine Lesereise mit Autor und Übersetzer organisiert. Der erste Station war am 14.10.2012 in Berlin im Monarch. Der stattliche Eintrittspreis war ok (so ein Reynolds muss schließlich aus L.A. eingeflogen werden), es war es dann eher mässig gefüllt. Dafür drängelte die Nachfolgeveranstaltung ab 22 Uhr an der Bar, die Lautstärke stieg, und die dicken HipHop-Kinder von Berlin überahmen den Laden. Reynolds wurde dann mal eben das Mic abgdreht und mit dem schnodderigen Spruch "Zeit aufzuhören, wa" kommentiert.

Reynolds eröffnet kurz und gab dann weiter an Übersetzer Chris Wilpert. Dieser las aus dem Kapitel "Der Aufstieg des Rock-Kurators" vor. Brian Eno sei schon in den 1980er Jahren auf die Figur des Kurators aufmerksam geworden, es erfolgte damit eine Abwertung des Künstlers: der kreative Schaffensakt sei weniger wichtig als das Auswählen vorhandenen Materials, des Neu-Zusammensetzens. Es ging kurz um die Bands Spacemen3, Primal Scream und The Jesus and Mary Chain. Sonic Youth seien besonders umtriebig als Kuratoren in den letzten 10 Jahren gewesen, wobei sie seit je starke Verbindungen in den Kunstbetrieb hatten.

Nach dem Kapital übernahm Reynolds und erläuterte den Prozess des Buches. Es war "a test, if people feel the same". Hinterher gab es eine größere Debatte, auf Reynolds in dem Extrakapitel der deutschen Ausgabe einging, wo er sich an der Position der "Recreativity" abarbeitet. Einiges wurde mir hier auf einmal klar, was ich in der Lektüre von "Retromania" verpasst hatte. Reynolds schlägt sich doch auf die Seite des "Modernismus" – und sieht die "Recreativity" als Antiposition. Er wiedersprach der Idee, dass "alles schon mal dagewesen sei" und hielt da – allerdings zaghaft – das Künstlergenie dagegen. Ihn störe vor allem die Gewissheit der Vertreter der "Recreativity", die fast schon an "articles of faith" grenzten. Brahms hätte nur Beethoven kopiert würde behauptet, aber das träfe nicht auf jede Idee zu – so Reynolds. Ihn störe diese zerstörerische Lust "to bring giants down to normal size". Das Genie-Konzept wirke heute angestaubt und außerdem politisch dubios (insbesondere für politisch Linke).

Reynolds spielte den Remix eines Stevie Wonder-Titels vor. Harte Worte von ihm im Nebensatz "parasites on the original work", also des riesigen Soundarchivs der alten Popperiode, wo die kollektive Arbeit von damals kannibalisiert wird.

Anschließend ging es um das L.A. Label "not not fun records" für ein zeitgenössisches Label, das Lofi-Retro-House machen würde, danach um die Talking Heads und das Buch von David Byrne. Und jetzt, wo ich versuche meine Notitzen auszuführen, fällt mir auf, warum ich mir mit Reynolds Stil schwer tue: er reiht Beispiel an Beispiel. Das mag ja interessant sein, tendiert aber auch dazu, dass der Überblick in der Fülle des Materials verloren geht. Dazu macht es Reynolds sich und den Lesern nicht einfach: er ist ein Zweifler, der sich Gewissenheit verweigert. Allerdings werden es bei ihm manchmal zu viele Grauschattierungen – Sinn von Theorie ist ja immer eine Schematisierung, eine Vereinfachung.

Die Diskussion war dann das übliche für Berliner Verhältnisse, worüber man lieber den Mantel des Schweigens hüllt. Reynolds meinte noch an einer Stelle, dass Garage Punk sich der modernsten Technologie damals bedient hätte, und heute eben Dubstep-Producer N.I. Massive verwenden würden.

Kauft man sich nochmal die deutsche Version mit dem Extrakapitel? Mal sehen. Mein Review der englischen Version mit dem schönen Titel "When Hell is full the Dead will Dance on your iPhone" gibt es in der Print-Ausgabe der datacide 12

Die besten Gedanken kommen nach Druckschluß und im Endeffekt die Frage: will Reynolds die Moderne retten? Vielleicht war ja das, was Reynolds beschreibt auch nur eine historische Phase im Kapitalismus: der Aufstieg und Fall der Musikindustrie, wie wir sie kannten mit den 5 großen Majors und vielen kleinen Labels. Wo ist Retro vor Rock und vor 1950? Das gibt es auch – etwa in Form von Burlesque – wird aber von Reynolds ausgeblendet. Vielleicht gehört wirklich Motown mit Ford zusammen und beides in die goldenen Jahre des Kapitalismus. Stattdessen postfordistische Dauerkrise. MTV got off the air aber Freude will sich nicht so richtig einstellen, irgendwie taugt Musik heute weder als Broterwerb für die Musikschaffenden selbst noch für die Konsumentinnen und Konsumenten: Hören als Datenstress in der Bewältigung des mp3-Ordners.

19 October 2012 at 21:32 - Comments

Fantasy Filmfest 2012 Part IIII


Unbedingt sehen wollte ich am Montag den 27.8. um 21.15 Uhr V/H/S, nachdem der Trailer mich ganz heiss darauf gemacht hatte. Wer Teenage Death Tapes mag, kommt hier voll auf seine Kosten: 6 Episoden von 6 Regisseuren mit Wackelkamera vom Feinsten und sehr unterhaltsam. Der Satz "I like you" hallt mir bis heute im Kopf nach. Danach Resolution. Beginnt als Meth-Drama mit Comedy-Einschlag und wandelt sich in einen Mystery-Thriller. Der Plot ist super und der Film ist gut, trotzdem hätte man aus der Story mehr machen können und das Ende wirkt fast etwas willkürlich. Dienstag 28.8. 23.30 Blind Alley aus Kolumbien/Spanien. Der Film ist relativ kurz aber exerziert mindestens 5 Genres durch. Für Überraschung im Plot gibt es die volle Punktzahl, aber so richtig überzeugend wirkte das ganze nicht. Am Mittwoch war dann Closing Night angesagt. 19 Uhr Cockney vs Zombies von Matthias Höhne. Schlangestehen bis zum Eingang des Cinemaxx und schon den Satz aufgeschnappt "Wir sind die Eltern des Regisseurs". In Anwesenheit des Regisseurs dann so etwas wie "Lock, Stock & 800 Smoking Zombies". Eine englische Geezer-Sozialstudie trifft auf die notorische Zombieinvasion. Durch den demographischen Wandel gibt es keine Jugendlichen mehr und damit löst der Gerontozombiefilm die RomComZom ab. Das Wettrennen mit Gehhilfe gegen Zombie ist unnachahmlich. Danach dann ebenso ausverkauft The Baytown Outlaws mit der Ansage "Wir haben 2 Leute mit Nachtsichtgeräten im Saal." Das Ding kommt erst im Dezember regulär in die Kinos. Es verwundert mich bei diesem Film nicht, dass hier ein Bieterkampf um die Rechte eingesetzt hatte, schielt er doch stark in Richtung Tarantino und eine Massentauglichkeit. Trotzdem funktioniert das Ganze erstaunlich gut und ist definitiv ein Filmspektakel vom Feinsten mit Dirty South, viel Blut inkl. Skalpierungen, Bikerchicks und Knarren. Wie angekündigt "ein schöner Rausschmeisser". Und damit dürfte das eigentlich Grauen beginnen: das reguläre Kinoprogramm bis zum nächsten Fanasty Filmfest.

30 August 2012 at 10:09 - Comments

Fantasy Filmfest 2012 Part III

25.8. Die Vorschaubilder im Programmheft waren in Farbe, der Film "The Day" ist dann aber über weite Strecken in einer Sepia-Optik, die an Schwarz/weiß heranreicht gedreht. Die Post-Apokalypse stellt hier nur den Hintergrund der Handlung, denn die Zombies tauchen nur am Rande auf. Die Konflikte innerhalb einer umherstreifender Gruppe Überlebender brechen nach und nach auf, als der Unterschlupf auf einer verlassenen Farm gesucht wird. Irgendwann wird klar, dass der vermeintlich sichere Ort dann doch nicht so sicher ist, und ein Psychodrama der Belagerung entspannt sich mit ausgedehnter Showdown-Schlacht. Und zwischen Psychoszenen und Schlachtgemetzel bewegt sich The Day dann auch. Trotz Verdi-Streik vor dem Kino fanden die Vorstellungen am Nachmittag statt. Tall Man von Pascal Laugier dann wie im Programmheft angekündigt. Es ist besser nichts von dem Plot zu wissen und ich glaube es ging allen im Kino so: absolute Spannung, weil bis zur Auflösung nicht klar wird, in welche Richtung der Film jetzt kippt und ob nicht doch übersinnliche Mystery im Spiel ist. Den vorherigen Film des Regisseurs Martyrs hatte ich 2008 hier besprochen.
Doomsday Book – ein dreiteiliger Episodenfilm aus Korea. Ich kann ganz ehrlich sagen: ich verstehe die koreanische Filmkultur einfach nicht. Vielleicht macht das aber auch gerade den Reiz aus. 1 der Episoden ist überdreht lustig, wobei der Humor teils grenzwertig ist. Im Mittelstück dann auf einmal metaphysisch tiefsinnige Fragen über K.I. und zum Abschluß noch ein humoresk-skurriles Stück Apokalypse mit Billiardkugeln. Als Abschluß des Tages dann noch Ace Attourney – die völlig überdrehte Verfilmung eines Capcom-Spiels über Anwälte in einem fiktiven Schnellverfahren. Leider lebt der Film stark von dem, was Adorno "Einfälle" bezeichnet hat – also Gags wie aus Looney Tunes. Und das Feuerwerk auf über 2 Stunden ausgedehnt nutzt sich irgendwann ab.

Am Sonntag dem 26.8. dann God Bless America. Warum auch immer das Kino rappelvoll war – von der Publikumsreaktion her die frenetischste bisher mit Johlen und Applaus an etlichen Szenen. Die Konstellation der beiden Hauptcharaktere erinnerte mich an "Super". Eine charmant erzählte Geschichte über die Unerträglichkeit der Mitmenschen und die Blödheit der Mediendemokratie. Wie auch immer dem Regisseur das Kunststück gelungen ist, dass trotz Szenen mit Amoklauf im Kino (Aurora und so) und Selbstmordgürtel die gute Laune nicht verloren geht. Und dass auch die vermeintlich schützenswerten Opfer von Superstar-Shows selbst kräftig am Verblendungszusammenhang mitarbeiten, ahnte man schon zu Beginn des Films. Der Hauptfilm des Festivals "Beasts of the Southern Wild" war dann wie erwartet ausverkauft und fand mit abschließendem Q&A mit dem Regisseur Benh Zeitlin statt. Ich hatte ehrlich gesagt zuletzt ein solches Erlebnis beim Lesen von Claude Lanzmanns "Der patagonische Hase". Ein Kunstwerk sui generis, das aus dem Nichts auftauchte und dass man so nicht erwartet hätte. Der Film schlägt in die Bresche der Post-Katrina Film in und um New Orleans nach Spike Lees Doku "If god is willing" und vor allem der Serie Treme, in der Laiendarsteller neben professionellen Darstellern auftauchen. Beasts… wurde dann ausschließlich mit Laien gedreht, die laut Zeitlin zwar nicht von der Straße, aber aus Büchereien durch Handzettel castet wurden. Und vor allem ein 6jähriges Mädchen als Hauptdarstellerin in diesem poetischen Plot zwischen Bauwagenplatzromantik und Bifrost – ein Wahnsinn.

Zum Tagesabschluß dann noch das chinesische 3D Martial Arts Gefechte "Flying Swords of Dragon Gate". Ich weiß nicht, wie ins Englisch übersetzte Chinesisch heisst, aber die verhunzten Untertitel ließen mich an dem recht vertrackten Plot verzweifeln. Zumal die Hintergrundgeschichte in wenigen Szenen komprimiert erzählt wurde und der Film dann über weite Strecken aus Kampfszenen bestand. Und die Helden reiten dann mit der roten Flagge durch die Wüste auf der Suche nach einer untergegangenen Kultur – Indiana Jones aus Rotchina-Perspektive. Wo die Grenzen der politische Korrektheit in China heute verlaufen würde mich auch interessieren, denn Eunuchen-Bürokratie schlecht, Kaiser gut. Das mit der Abschaffung des Adels ging bei Marx irgendwie anders. Ehrlich: Kung Fu Hustle ist immer noch mein Favorit in dem Genre und wurde auch durch diesen Film nicht getoppt.

27 August 2012 at 17:39 - Comments

Fantasy Filmfest 2012 Part II

23.8. Thale: 2 Tatortputzer mit der lakonischen Bräsigkeit von Skandinavien-Krimikomissaren werden in eine Hütte im Wald gerufen. Dort finden sie einen unterirdischen Bunker mit allerhand vergilbter Technik, abgelaufenen Konververndosen und einer nackten Frau in der Badewanne. Langsam entblättert sich der Plot und irgendwann kommen die Waldmenschen hervor und töten das private Navy Seals-artige Rollkommando. Soweit in aller Kürze zu diesem Norwegenschocker. Der Film hat einige Schwächen im Plot, ist aber durchaus sehenswert. Der gelbe Putzanzug mit genau dieser Atemschutzmaske zusammen mit der Diagnose Lungenkrebs – weniger Breaking Bad Referenz hätte es schon sein dürfen, aber das sei verziehen.

Irgendwo auf dem Weg von Amsterdam nach Peking döst man in den Sitzen von China Southern Airlines ab und guckt zwischendurch, was das Programm so bietet. Und dann erwartet man so etwas wie "A Chinese Ghost Story" um 24.8. um 15 Uhr. Ich hätte mehr Blut und mehr Grusel erwartet, aber irgendwie bewegte sich der Film eher auf Hollywood-Niveau. Die Dämoninnen blieben die meiste Zeit über bildhübsch und die Liebesgeschichte stand im Vordergrund. Irgendwie ganz unterhaltsam, wenn auch doch ordentlich schmalzig. Könnte man sich auf einem interkontinentalen Flug mal ansehen, ansonsten aber eher mässig. Blöder war direkt danach um 17 Uhr "Awakening". Vielleicht lag es auch an mir, denn mir klingelte die ganze Zeit der Satz "You´re an asshole, McNulty" durch den Kopf. Und vorbei war es mit dem Grusel. Das Gör aus dem Hause Winterfell spielte auch mit (Gruselfaktor: gering) und den Plot fand ich auch eher zäh. Gerade aus dieser traumatisierten Nachkriegsgesellschaftsszenerie hätte sich was machen lassen, das diente aber eher als Kulisse und überraschende Wendungen suchte man in dem Plot vergebens. Zumal die Wandlung der Hauptdarstellerin von der aufgeklärten Wissenschaftlerin zur angstzerfressenen Hysterikerin sich auch nicht gerade glaubhaft vollzog.

25 August 2012 at 11:34 - Comments

Fantasy Filmfest 2012 Part I

Dieses Jahr hatte ich mir vorgenommen an meiner persönlichen Höchstmarke zu kratzen und die Anzahl gesehener Filme auf dem http://www.fantasyfilmfest.com/ hart an die Grenze zur Dauerkarte hochzuschrauben. Los ging es gleich in der Eröffnungsnacht am Dienstag dem 21.8. mit Sigthseers vor vollem Saal. Ich kannte die Hauptdarstellerin Alice Lowe doch aus irgendeiner Britcom – genau: Garth Marenghi´s Darkplace.

In Sightseers spielt sie Tina, eine Mid-Dreissigerin, die bei ihrer garstigen Mutti in der englischen Provinz lebt. Sie lernt Chris kennen und beide klappern mit dem Campervan touristische Spots ab – und beginnen nebenher Mitmenschen umzubringen. Dabei passieren die Morde eher beiläufig. Die Unerträglichkeit der Mitmenschen bricht sich die Bahn, aber eigentlich ist sich das Paar selbst unerträglich, in der piefigen Kleinbürgeridylle mit gestrickter Reizwäsche und Einhornfiguren aus Glas. Eher eine Milieustudie denn ein Schocker und der Soundtrack (Frankie goes to Hollywood 2012 in einem Film zu verwenden, muss man sich erstmal trauen) unstreicht die melancholische Atmosphäre der touristischen Tristesse. Beide Hauptdarsteller waren im Cinemaxx vor Ort und verdient gab es frenetischen Applaus.

Anschließend Sushi Girl – gar nicht mal so voll und eher durchwachsen. Pro: ein kurzer Machete-Cameoauftritt und Mark Hamill als rattenartiger, ständig kauender Fiesling. Minus: Die Gesten und Mimik von Mark Hamill wiederholten sich auf Dauer und eine Handlung, die sich zäh dahinschleppte. Ich dachte an Reservoir Dogs, blieb allerdings ratlos zurück: Der Psychofaktor der Folter blieb aus, da das Folteropfer bis zuletzt auf dicke Hose mit obercoolen Sprüchen machte. Dazu wirkte der ganze Film wie ein Witz, bei dem der Titel wie ein Neurotiker schon zu Beginn die Pointe ruiniert hat. Kann man sich durchaus ansehen, aber der große Wurf ist der Film nicht.

Mittwoch 22.8. dann zu Eva (2011). Ein Referenzfilm wäre hier Steven Spielberg´s A.I. Ich hätte nicht gedacht, dass Daniel Brühl auch in guten Filmen mitspielt (schon wiederlegt: Inglorious Basterds), aber Eva ist definitiv sehenswert. Die Animationen der Technik generell und der Roboter und Androiden sind allesamt gut gemacht und der Plot bleibt fesselnd. Die Frage nach K.I. ist hier das Vehikel, um die Emotionen zwischen den Beteiligten aufzuzeigen.

23 August 2012 at 09:18 - Comments