unkultur

Fachmagazin für nekromantischen Materialismus.

Blühende Nischen

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Die Zeitschrift Testcard #19 mit dem Schwerpunkt "Blühende Nischen" erschien zwar schon im März, bei unkultur mahlen die Mühlen aber langsamer und ich bekam die Ausgabe erst vor kurzem in die Hand.

Sehr interessant fand ich die Ausführungen im Artikel von Martin Büsser in "Das Ende der Pop-Relevanz und das Wuchern der Nischen". Allerdings fragte ich mich, ob diese nicht eine Fortschreibung des "Mainstream der Minderheiten"-These der 1990er Jahre darstellen. Martin Büsser beschreibt den Wandel als Verlust eines musikalischen Kanons innerhalb der Rezeption von Musik sowie des Schwindens von Publikum als Masse: "Neue, auf Pop gegründet Jugendbewegungen, wollten sich einfach nicht mehr bilden." Nur wird man hier keine Antworten erhalten, wenn man nur darauf schaut, was fehlt und den Wandel versucht in den Kategorien von Jugendsubkulturen zu erfassen. Was ist denn dort, wo früher Bewegung gewesen wäre? Andererseits: interessiert mich das wirklich? (Der Beitrag von Jasper Nicolaisen über Bildproduktion im Internet geht in diese Richtung. Am Ende landet man bei allerhand obskuren und interessanten Phänomenen, mit Musik hat das alles nichts mehr zu tun.)

Martin Büsser beschreibt einen Zustand, den er durch Orientierungslosigkeit auf Seiten des Publikums charakterisiert sieht. Ich fragte mich an der Stelle, ob es nicht eher eine Unübersichtlichkeit handelt. Damit meine ich, dass das was Martin Büsser beschreibt, ein Problem für eine Kategoriesierung darstellt. Und diese stellt weniger das Publikum vor ein Problem, als die KritikerInnen, die versuchen Erklärungen und Begriffe für die beobachteten Phänomene zu finden. Und gerade die Soziologie ist eine Wissenschaft der Massenphänomene. Beschäftigt ein Phänomen nur mich und meine drei FreundInnen, lässt sich hier kaum ein soziologischer Forschungsaufwand rechtfertigen.
Dieses Schwinden von Masse wird ja auch an ganz anderer Stelle – der Forschung zu Instutionen wie Parteien etc. – beklagt. Nur besteht das Problem m.E. für die Forschung, die von Masse auf Relevanz ihres Gegenstandes schließt und damit daran unmittelbar die eigene Relevanz bindet. Das Publikum als Masse schwindet und das sieht Martin Büsser begründet im "Resultat einer immer kleinteiligeren Ausdifferenzierung, die mit Jugendkultur im herkömmlichen Sinne nichts zu tun hat." Nur stellt das an der Stelle ein Problem für die Forschenden dar, deren Begriffsinstrumentarium nicht mehr greift, um diese Welt zu beschreiben. Kurz gefasst: man wird das Scheitern der bisherigen Begriffe in Betracht ziehen müssen: Szene, Jugend(-subkultur), Avantgarde, Mainstream und Underground.

Wer ebenso ein Problem mit dem Schwinden der Masse hat, sind MusikjournalistInnen, deren Arbeit gleich doppelt prekär besetzt ist: Journalismus und dazu noch im Bereich Musikwirtschaft, die in einer Krise und grundlegenden Transformation steckt. Thesenhaft würde ich hier vermuten, dass der Bedarf für kritisches Schreiben über Popmusik schwindet. Die Zirkulationsgeschwindigkeit der Musikwaren hat sich m.E. deutlich erhöht. Martin Büsser bemängelt hier eine fehlende Relevanz, etwa von beliebiger Auswahl von Charts im Rolling Stones Magazine.
Aus der Perspektive elektronischer Musik wirkt diese Frage leicht befremdlich, denn hier ist klar, dass die Releases eh niemals mit dem Anspruch angetreten sind, für immer da zu sein, sondern an einem spezifischen Moment der Geschichte eine vergänglichem, kurzlebige Relevanz zu entfalten.

Ich bin mir an der Stelle nicht sicher, ob die Masse verschwunden ist. Sind wirklich alle zu Außenseitern geworden? Da könnte es sein, dass Martin Büsser in der Perspektive der Nischenmusik verharrt – die auch vor 20 Jahren Nische gewesen wäre. Insofern die Frage nur auf die Nische und konstatiere: "Da ist nur Nische." Lady Gaga verkauft tatsächlich noch Tonträger und auch Festivals wie "Rock am Ring" sind nach wie vor von Menschenmassen bevölkert. Wo geht also der Konsens verloren?

Vielleicht so formuliert: Die Position der Institutionen schwindet, die die Relevanz von Musik verschriftlicht. Nur ist das zunächst ein Problem für diese Instutionen, und zunächst nicht für die unmittelbare Produktion von Musik selbst. Denn dieses scheint ja auch ganz gut ohne die Figur des Musikkritikers/ der Musikkritikerin auszukommen. Es herrscht ein reges Treiben und eine ungeheure Menge an Musikwaren, aber das Interesse an einer theoretischen Klassifizierung scheint zu schwinden (an der Stelle: der/die DJ ordnet Musik nach persönlichen Kriterien auch an und nimmt in nicht-textlicher Form eine Kanonisierung vor).
Nur heisst das für das Schreiben über Musik: wo die Relevanz nicht mehr gegeben ist, sind weder Forschungsetats anzuzapfen, noch lassen sich Gelder von Werbeträgern oder Sponsoren auftreiben, die Herstellung der Texte und deren Publikationen finanzieren.

Damit teilt die Popkritik das Schicksal mit der Musik selbst. Es würde sich lohnen, hier weiter nachzuhaken: schwindet damit die Möglichkeit von Kritik? Denn schließlich ermöglicht erst das Heraustreten aus dem unmittelbaren Erleben. Die Transformation des Hörerlebnisses in Sprache ermöglicht eine kritische Reflexion des Gegenstandes. Eine gegenteilige Auffassung von Musikjournalismus ist selbiger als verlängerte Gute-Laune-Botschaft und Werbetext, worüber ich mir vor einigen Monaten am Beispiel der BBC Radio1 Moderatorin Mary Anne Hobbs Gedanken machte. Ob man hier kulturpessimistisch den Verlust kritischer Öffentlichkeit beklagen muss, oder Kritik sich künftig andersweitig artikulieren wird, bleibt offen. Vielleicht gab es eine zeitlang in Deutschland ein Zweckbündnis aus Musikkritik und Schallplattenindustrie, das irgendwann obsolet wurde. Ich frage mich, ob es diesen "Diskurs jenseits der sich selbst überlassenen Kleinstnischen" jemals gab. Jedenfalls jenseits von Diedrich Diederichsen und der Spex der späten 1980er Jahre. Vielleicht entfällt auch das Interesse auf Seite des Publikums an einem Lesen über Musik. Wo sowieso schon so viel Musik vorhanden ist, dass sich der "noch zu hören" Berg niemals abträgen lässt, lässt auch das Interesse am darüber Lesen nach. Wozu auch? Es ist doch sowieso zu viel von allem da.

Das Problem ist ein ökonomisches – und zwar für die ProduzentInnen von Waren. Mit dem Schwinden einer massenhaften Rezeption von Musik schwindet die Möglichkeit für diese, von ihren Produkten zu leben – sei es im unmittelbar mit der Produktion von Musik, sei es mittelbar mit dem Schreiben darüber. Als hätte sich D.I.Y. als Dystopie verwirklicht: Die kaptialistische Konkurrenz sowie der Zwang seinen Lebensunterhalt monetär zu bestreiten sind nicht außer Kraft gesetzt, dafür darf jede und jeder die Welt mit Waren überfluten, für die sich keine KäuferInnen mehr finden lassen.

Um zum Ende zu kommen und spekulativ in den Raum zu denken: an den Geräten lässt sich eine Veränderung der Entwicklung ablesen. Wahrscheinlich das Handy, dass als Multifunktionsgerät nahezu alles kann. Es lässt sich nutzen um damit zu telefonieren, Emails schreiben, von der Wasserwaagen- bis zur Navigationsapp ist alles darauf, es ist Spielkonsole, man kann damit Musik hören (+ Musik produzieren) oder Videofilme und Photos aufnehmen und ansehen. U.a. auf die Bildproduktion hat das ebenso gravierende Auswirkung wie auf die Wahrnehmung von Musik. Musik ist als digitales Format vorhanden und damit ebenso verfügbar wie andere digitale Daten. Musik konkurriert um Aufmerksamkeit mit Computerspielen, Videos etc. Die Wahrnehmung von Musik verändert sich, es kommt zur Synästhesie. Musikmagazine online funktionieren 2010 anders als gedruckte Hefte 1990. Die Vermischung aus Journalismus und Musikpromotion schreitet voran, wenn neben dem Artikel gleich ein Widget mit einem Soundfile zu finden ist (zufällig gewähltes Beispiel siehe http://www.urb.com/). Der Druck auf die ProduzentInnen steigt Freebies und Promomaterial in großen Mengen zu produzieren. Gleichzeitig ist Information überall verfügbar und es besteht die Möglichkeit – etwa via Blogkommentare – Texte von Seiten des Publikums aus direkt zu kommentieren.

Nur führt dies nicht zum Schlaraffenland der freien Güter, sondern der Datenstress des Bescheidwissen-Müssens. Wie Geert Lovink es formulierte: Freizeit ist Downloadzeit. Man wird sich Begriffe suchen müssen, um diesen Wandel zu fassen.

1 July 2010 at 21:20 - Comments
hannes
gut gefragt, prinzipiell wirkt die ausgabe wie die trotzreaktion zu den letzten sehr pessimistischen(siehe auch; http://www.podcast.de/episode/1478468/testcard-Ausgabe_%2319:_Bl%C3%BChende_Nischen_Serie_334:_PAJ ) beim zündfunk wird die ...
2 July 10 at 00:52
sehr interessanter artikel. der punkt mit DIY als distopie stimmt für mich uneingeschränkt, allerdings nicht bedingt durch das schwinden der ...
5 July 10 at 23:25

Veranstaltung zu Gentrifizierung am 17.6. in Hamburg

Gentrifizierung in Hamburg

Gentrifizierung in Hamburg

Am Donnerstag den 17.6.2010 findet in Hamburg eine Diskussionsveranstaltung zun Gentrifizierung statt. Dabei soll die Kritik an der Gentrifizierung ideologiekritisch beleuchtet werden"Wir wünschen uns eine differenzierte Debatte, in der herausgearbeitet wird, an welchen Stellen die Gentrifizierungskritik den Namen Kritik verdient hat und an welchen Stellen sie zur Ideologie verkommt."

Der vollständige Ankündigungstext dazu findet auf dem Blog der veranstaltenden Gruppe Negative Approach.

Los geht es um 19 Uhr in der Roten Flora.

12 June 2010 at 13:28 - Comments
jacob
Wo steht denn nun das Papier über die Gentrifizierungsveranstaltung vom 17.6. in der Flora ?
23 June 10 at 06:19

Warum hier nichts steht

Ich würde ja gerne hier gelegentlich hier etwas schreiben, finde aber keine mitteilungsfähigen Inhalte mehr. Irgendwann wurde mir der Spagat zwischen meinen verschiedenen Lebensbereichen zu anstrengend. Die ständige Abwägung, welche Inhalte welchem Bereich zugeordnet werden könnten. Und öffentliches Artikulieren verlangt ständig diese Trennungsleistung.

Ich glaube noch nicht einmal, dass das Koordinatensystem sich aus den Achsen "privat" und "öffentlich" zusammensetzt, sondern sich an den pluralen Verbreitungskanälen festmacht: wer liest meine Nachrichten auf welchem Kanal? Früher bestand für mich die Trennung darin mein politisches Interesse und meine musik – na, sagen wir mal "Musikpromotion" – irgendwie zu trennen. Schon daran bin ich gnadenlos gescheitert, wie sich an dem Schlingerkurs dieses Blogs ablesen lässt.

So ganz passte das alles nicht und die Inhalte schoßen immer haarscharf an den potentiell interessierten Personen vorbei. Der Medientheoretiker Geert Lovink vermutet, dass Blogs Homogenität schaffen, indem sie ein bestimmtest Umfeld schaffen – sie werden von Leuten gelesen, die dasselbe denken. Kann ich das so bestätigen? Jein. Es gab hier und an anderer Stelle teils kontroverse Diskussionen, irgendwann war ich ihrer überdrüssig, da der Ablauf und die Reaktionen aller Beteiligten voraussehbar waren. Und ab da wurde es immer uninteressanter, denn ich lese oder unterhalte mich um etwas zu lernen, dass ich noch nicht wußte, und nicht um die immergleichen Inhalte in zig-facher Ausführung wiedergekäut zu bekommen. Genau das scheint aber für einige Bloggerinnen und Blogger der Hauptzweck ihrer Tätigkeit zu sein. Ich konnte das irgendwann nicht mehr Ernst nehmen, genausowenig wie diese pathetische Betroffenheit, das Ereifern über reale und vermeintliche Mißstände.

Zumal hier das Reflexionsniveau über das eigene Treiben in den meisten Fällen erschreckend niedrig liegt und immer tumb die Vorgaben aus dem etablierten Medienbetrieb abgeschrieben wurden – und dass dann für eine Eigenleistung gehalten wurde. Eine Zeitungsmeldung wird zitiert und sich über den Inhalt erregt, daran sähe man mal wieder, dass wahlweise Polizei / Nazis / Deutschland / Bundesregierung / Milchbauern / Atomlobby / … (eigenen Begriff nach Belieben hier einsetzen) ganz schlimm seien. Das mag zwar Betroffenheit artikulieren, aber warum sollte das jemand lesen wollen? Das Label "politisch" wird gerne vorgeschoben, wo doch nur die eigenen Befindlichkeiten vor Publikum ausgebreitet werden. Als Vergleich fällt mir nur das Starren auf einen Käfer ein, der auf dem Rücken liegt und hilflos mit den Beinchen strampelt.

Mir wurde das alles irgendwann zu öde. Insofern gab es hier kein "Umfeld"; meine Inhalte gingen immer weiter auseinander, dass ich irgendwann an Sinn und Zweck des Unterfangens zu zweifeln begann. Geert Lovink sieht im Bloggen einen Nihilismus verwirklicht: eine resignative Grundhaltung, da sich keine weiterführende Veränderung abzeichnet. Nur drückt sich die Bloggerin oder der Blogger diesen Nihilismus durch die Tätigkeit des Bloggens aus. Mich irgendwann nicht einmal mehr das. Und auch die tektonischen Platten meiner Interessen haben sich verschoben: Soll ich etwa über geekige Programmierthemen schreiben? Dazu fehlt mir jeglicher Ansatz, weder habe ich zum Schreiben darüber eine intrinsische Motivation noch sehe ich eine Zielgruppe dafür.

Das Leben ist angefüllt von interessanten Dingen, die wenigsten davon passen jedoch in Textform.

27 March 2010 at 09:57 - Comments
zu den diskussionen in dem kommentar bereich ist mir in letzter zeit auch aufgefallen das es eigentlich entweder gegenseitiges gebauchpinsel ...
27 March 10 at 12:47
unkultur
Der Tech-Kram wird auch in einer eigenen Sprache vermittelt, was nerven kann. Gerade bei designorientierten Themen wie JS-Libraries kann ich ...
27 March 10 at 13:18

Broschüre – Kunst Spektakel Revolution

Kürzlich erschienen ist die Broschüre "Kunst Spektakel Revolution", die einige Texte zusammenfasst, die im Rahmen einer Veranstaltungsreihe in Weimar letztes Jahr gehalten wurden. Die Broschüre umfasst Texte von Kerstin Stakemeier, Martin Büsser, Roger Behrens, Biene Baumeister, Hans-Christian Psaar und behandelt aus verschiedenen Perspektiven das nicht unproblematisch Verhältnis von künstlerischer Avantgarde und gesellschaftlicher Umwälzung. Die Texte lassen sich online lesen unter http://spektakel.blogsport.de/broschur/, die Bezugmöglichkeiten für die Druckversion sind auf der Seite ebenso aufgeführt.

Weiterführende Informationen zu der Veranstaltungsreihe – diese wird dieses Jahr mit neuen Vorträgen fortgesetzt – finden sich unter http://spektakel.blogsport.de/.

27 March 2010 at 08:59 - Comments

Produktempfehlungshilfehinweis

Wer auch immer sein MacBook selbst aufschrauben möchte und sich der fantastischen D.I.Y.-Anleitungen von http://www.ifixit.com/ bedient, bekommt bisweilen schon bei der Erhältlichkeit des Werkzeugs Probleme, da sich die Angaben auf us-amerikanische Hersteller beziehen. Ein Selbstversuch von einem unversierten Schraubendreher-Laien brachte jedenfalls das Ergebnis, dass sich Phillips #00 Screwdriver wunderbar ersetzen lassen mit diesem Kreuzschlitz-Schraubendreher, den es bei Conrad gibt: Wiha SCHRAUBENDREHER 00 X 40 PH-KREUZSCHLITZ. There´s no business like geek business…

19 January 2010 at 13:57 - Comments
tob
Der Conrad-link funzt nicht... Könntest du den aktualisieren, mich würde es interessieren :)
10 February 10 at 02:10
unkultur
Damit sollte es gehen: http://www.conrad.de/goto.php?artikel=824399
10 February 10 at 11:09

Zusammenfassung “Eine Verschwörung gegen Amerika?”

Kurze Zusammenfassung der Veranstaltung Eine Verschwörung gegen Amerika? Bernd Volkert über den oft als „Anti-Bush“ verstandenen Barack Obama" vom 11.1.2010

Bernd Volkert begann mit einem längeren Zitat des emigrierten Politikwissenschaftler Hans Morgenthau, in welchem Morgenthau die Begeisterung beim Kennedy-Besuch in Deutschland 1963 als Fortführung des nationalsozialistischen Führerkults sah. Der Vergleich zwischen Obama und Kennedy dränge sich auf, so Volkert, aber Kennedy sei trotz seines Charismas in seinem Handeln Staatsmann gewesen, was Obama fehlen würde. Es folgte eine Liste mit Fehlschlägen und bisherigen Reden Obamas: der laxe Kurs gegenüber dem Iran, die Rede in der UNO-Vollversammlung, die Kairoer Rede, die Haltung gegenüber Rußland und damit verbunden die Idee einer atomwaffenfreier Welt. Und die Haltung zu Afghanistan, wo "die USA am liebsten Truppen auf Niveau des technischen Hilfswerks" schicken würden. Obamas Bilanz sei bislang desaströs. Das wurde anhand eines Zitats von Charles Krauthammer, einem Kolumnisten der Washington Post, dargelegt, nach dem die USA sich in einem freiwillig gewählten Niedergang befänden und die Wahl hätten die unipolare Welt aktiv auszugestalten oder anderen Mächten die Gestaltung der Welt zu überlassen. Im Folgenden ging Volkert kurz auf Robert Kagan ein, distanzierte sich aber von dessen Einschätzung, wonach die politisch Verantwortlichen in den USA gar nicht anders könnten als eine hegemoniale Rolle wahrzunehmen, und diagnostizierte stattdessen eine "Europäisierung der US-Politik". Nachdem auf der letzten Bahamas-Veranstaltung auf Kumpanei mit dem Publikum durch die Verhöhnung von Gender-Mainstreamng gesetzt wurde (auf homophobe Witze wird noch gewartet), wurde diesmal krachledern von Volkert über die "Gesprächstherapie" in der Politik geätzt. Es folgte eine lange Ausführung über die Geschichte verschiedener Präsidentschaftskandidaten, unter anderem hätte George McGovern mit "Come home, America" 1972 schon das Programm "Therapie und Reue" gezeigt. Ronald Reagan dagegen hätte nicht auf Angst gesetzt, sondern den Glauben an die USA als überlegenes Modell verkörpert.
Obama könne man maximal als "verträumt" charakterisieren. Wie Tom Cruise in Kubrick´s "Eyes wide shut" würde er sonambul durch die Welt taumeln und nirgends ankommen – dies wäre in etwa auch der Plot der ersten Autobiografie von Obama von 1995.
Er würde sich nicht festlegen, was der als liberal geltende Kolumnist Leon Wieseltier als "Einerseits-andererseits"-Methode beschrieben hätte. Obama würde erst die eine Seite, dann die andere anhören und versuchen es allen Recht zu machen. Deswegen sei es so schwer Obama zu charakterisieren, selbst der Vergleich zu Jimmy Carter sei ein Behelf, weil man anders nicht weiterkäme – Obama hätte keine Agenda und würde fallbezogen willkürlich entscheiden.
Im weiteren wurden einige Faux-Pas von Obama ausgebreitet, die George Bush, wären diese ihm unterlaufen, als Zeichen seiner Beschränktheit ausgelegt worden wären. Obama hätte die verbündeten Staaten Tschechien und Polen brüskiert durch die lakonische Absage der Raketenstationierung; den führenden General in Afghanistan habe er nur im Vorbeigehen 30 Minuten lang nach dem Olympia-Aufenthalt in Kopenhagen getroffen. Dies würde Obamas Borniertheit, seinen Narzissmus und seine Unverantwortlichkeit zeigen.
Dass Volkert den Text vom Blatt herunterlas, rächte sich, als von "nach 9 Monaten Amtszeit" die Rede war.
Nach dem eher analytischen Vortrag von Volkert folgte eine Polemik von Justus Wertmüller, die so effekthascherisch auf Reaktionen zielte, dass das Publikum ausstieg und ebendiese verweigerte. Obamas Rede in der Universität von Kairo sei ein "antizivilisatorisches, pro-islamisches Manifest" gewesen. Sowohl Wertmüller wie Volkert betonten nochmals die Idee eines interessegeleiteten Politikbegriffs, durch den die USA "bei allen Scheußlichkeiten" unter dem Strich Gutes bewirkt hätten.

13 January 2010 at 00:03 - Comments
Danke für die Zusammenfassung. Aber wie muß ich mir das vorstellen, wenn das Publikum Reaktionen verweigert? Waren sie still oder ...
16 January 10 at 13:14

Leben im Superlativ. Radio im Allgemeinen und Mary Anne Hobbs im Besonderen

"The illest selection with beats of the planet today." Im Hintergrund ein Jingle mit Benga und Warrior Queen. Ich kann diesen 2562 Track nicht mehr hören, der als Hintergrundberauschung läuft. Dabei ist das "Aerial"-Album eigentlich ganz gut, aber die Verjingelung packt eine neue, eindeutige Bedeutung auf den Track.

Warum auch immer die TAZ gerade die BBC Radio 1 Radiomoderatorin Mary Anne Hobbs entdeckt hat und ein Interview mit ihr führt. Auf welch traurigem Niveau hierzulande Musik verhandelt wird, zeigt sich an Fragen wie "Dubstep gehört in den Club, man muss dazu tanzen. Wieso funktioniert es dennoch übers Radio, in Ihrer Sendung?" Der Sound von BBC Radio 1 ist zwar in Deutschland "irgendwas mysteriöses", in UK aber chartstauglich.

Die ständige Übersteigerung bei Mary Anne Hobbs stört. Sie stellt Konsens her mit den Zuhörern: "you´ll be delighted to learn". So experimentell ist das alles nicht und eigentlich ist das ganz schön weit weg von John Peel, als dessen Nachfolgerin sie gehandelt wird. Wurde vor 3 Jahren noch Dubstep gefeatured, liegt derzeit der Schwerpunkt auf US-Electronica a la Flying Lotus. "Experimentell" geht irgendwie anders, zumal wie im Formatradio der Inhalt vorhersagbar ist. Das erinnert an Motor FM, wo die Sendung "Auslandspionage" groß beworben wurde mit den Verheissungen auf nie dagewesene Klänge und auch dort inzwischen nur derselbe weichgespülte Indie-Electro-Mix läuft wie in der restlichen Sendezeit auch. Wo bleibt das Ungehörte?
Darum geht es ja auch nicht. Radio stellt Masse her, kanalisiert Pluralitäten zu homogenen Hörerschaften, es prägt Hörgewohnheiten, es lehrt Musikgeschmack. Die Sendung "Der Ball ist rund" von Klaus Walter im hessischen Rundfunk HR3 wurde abgesetzt und wenn ich mich richtig erinnere bestand die Begründung darin, dass die Zuhörerquote nicht mehr messbar sei, da sie im unteren Promille-Bereich mit wenigen Hundert Personen läge. Radio will Reichweite, will empirische Messbarkeit: eine relevante Anzahl Zuhörer, eine relevante Anzahl Plattenverkäufe. Nur ist "experimentell" in den wenigsten Fällen massenkompatibel.

Mary Anne Hobbs setzt auf gute Laune. Weniger was sie sagt als wie sie es sagt. Da bleibt von einer Beschreibung nicht viel mehr übrig als "my favorite photographer in the U.K.". Ein Überschuss an Meinung wird ausgebreitet. Als ob die Leute es nicht mögen würden, wenn nicht permanent betont würde wie geil das denn doch alles sei. (Symptomatisch für die Krise der Musikindustrie – man versucht die bösen Geister durch das Verströmen guter Laune zu vertreiben). Aber warum REDET man darüber? Sprache wird hier zum Anhang der Marketingmaschinerie; zu einem Lückenfüller zwischen den Tracks. Es wird geredet weil das halt so ist und dazu gehört. Gerade bei Dubstep gab es starke und kontroverse Diskussionen über Ästhetik, was in der Feeling-Well-Soße von Mary Anne nicht vorkommt bzw. ertränkt wird. Der Tonfall bleibt immer gleich. Die halb wispernde Stimme der Moderatorin, ständig anpreisend und lobend. Maximal Zitate aus Waschtexten, die Brüche zwischen ihr als Radiomoderatorin und der Musikindustrie (auch wenn sie hier in Gestalt von Kleinstlabels auftritt) tauchen nicht weiter auf, werden von ihr nicht artikuliert.

Ist das jetzt Musikjournalismus? Eher ist das Marketing und Selbstmarketing. Der DJ promoted den jeweils zugehörigen Stil und die eigenen Releases. Mary Anne Hobbs releast Compilations auf Planet Mu. An anderer Stelle tritt diese Interessenlage noch offener zutage, wenn DJ Hype mit Ganja Records die Releases seines Labels in seiner Radioshow auf KissFM abfeiert. Musikjournalismus scheint immer diese Durchdringung von Promotion durch "Liebe für die Sache", das eigene Fan-Dasein, geprägt zu sein. Zirkulationsagenten, das Spiel am Laufen halten, Parole Kaufen.

Die Show von Mary Anne Hobby läuft auf BBC Radio 1 Mittwoch nachts bzw. Donnerstag morgens um 3 Uhr. Inzwischen lassen sich die Radiosendungen auch ohne IP-Blocks außerhalb von Großbritannien anhören, die jeweils letzte Show lässt sich im Archiv auf der Site von Mary Anne Hobbs anhören.

20 December 2009 at 11:02 - Comments
geroyche
mind-bogglingly wonderful blog post with brilliant, dark atmospheres and a banging finale. this is everyone's favorite post at the moment and ...
20 December 09 at 13:27

Kurze Synopsis “Als wir uns einmal zu Israel verhalten wollten…”

Am 30. November 2009 fand eine Veranstalung der Redaktion Bahamas mit dem Titel "Als wir uns einmal zu Israel verhalten wollten… … und unversehens unsere alte Liebe zu „linken Zusammenhängen“ wiederentdeckten" statt. Nach Bündnisaufruf und eine Demonstration u.a. von der Gruppe Kritikmaximierung gegen die "Hamburger Unzumutbarkeiten" verfasst. Mit diesem Aufruf setzte sich die Redaktion Bahamas kritisch auseinander.

Der Abend begann mit einer Einführung von Tjark Kunstreich. Dieser baute seine Ausführungen an der Figur des Selbstmords auf, den die Linke begangen hätte und dem eine aggressive Botschaft innewohnen würde. Kunstreich setzte sich mit der "Strategie der Roten Nazis" auseinander. Hamburg sei wie Magdeburg, nur größer und teurer.

Es folgte der längere Vortrag von Justus Wertmüller. Er zitierte ironisch aus jüngsten Angriffen auf die Bahamas, u.a. wurde ihr "bewährte K-Gruppen-Manier" von Christian Stock von der iz3w vorgeworfen.

Die Bahamas befände sich laut Wertmüller in der besonderen Situation, dass sich ihre Abonnenten zumeist nicht öffentlich äußern würden. Deswegen richte sich diese Veranstaltung an die Freunde der Bahamas, die – auch wenn sie den Hamburger Aufruf unterschrieben hätten – sich eingestehen sollten, dass dies ein Fehler gewesen sei und sie ihre Unterschrift zurückziehen sollten. Wertmüller zitierte aus einem Aufruf für eine israel-solidarische Demonstration in Hamburg im Jahr 2004, die nur unter Polizeischutz stattfinden konnte. Genau dies würde von dem "Hamburger Unzumutbarkeiten"-Bündnis heute totgeschwiegen, schon damals hätten die Hamburger kollektiv geschwiegen, als die Demo tätlich u.a. mit Steinen angegriffen wurde. Niemand würde sich in Hamburg öffentlich für Israel aussprechen, in Hamburg herrsche ein Klima der Angst und Einschüchterung und man würde dort den Schlägern nicht entgegentreten, es hätte damals der Impuls von außen kommen müssen, während vermeintlich israel-solidarische Hamburger wie Gremliza sich feixend unter den Gegendemonstranten befunden hätten.

Die Anmeldung der Demonstration des "Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten" unter dem Kollektivpseudonym "Johanna Zorn" sei ein schlechter Witz, deutsche Innerlichkeit träfen auf den infantilen Aktivismus einer Jeanne d´Arc, man würde nicht nur sprachlich genau das Ressentiment der B5-Schläger bedienen. Anhand von Zitataen wurde der Hamburger Aufruf von Wertmüller zerpflückt: "Ich will mich nicht zu Israel verhalten, schon gar nicht in Zusammenhängen." Schließlich würde es darum gehen gegen Antisemiten vorzugehen und nicht eine vage Absicht zu bekunden – weder sprachlich noch inhaltlich sei ein "verhalten zu" korrekt. Der Film von Claude Lanzmann sei kein Film über Israel sondern für Israel. Dabei würde genau dies unterschlagen und der Regisseur systematisch umgedeutet als "französischer Jude, Résistancekämpfer und Regisseur von »Shoah«, der bedeutendsten Dokumentation über die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden". Dieses Zitat wurde ausführlich kritisiert, die pro-zionistische Haltung von Lanzmann würde damit weggelogen und er für Israel-Hasser kompatibel gebogen.

Ein längerer Teil ging um eine Einschätzung von Machtverhältnissen. Eine Sicherheitspartnerschaft mit der Polizei sei notwendig, denn wenn ich diese nicht wolle, "… müsste ich einen Hinweis darauf geben, was ich selbst kann: Wo ist Christian Stocks starke Truppe?" So bliebe es bei verbalen Drohungen wo es nur eine Hand gegen B5 und Konsorten gäbe, die sich gelegentlich zur Faust gegen Antisemiten ballen würde: "die der Polizei". Der deutsche Staat – ohne die Motive dafür gutzuheissen – würde an bestimmten Punkten nicht zugelassen, dass der Film verhindert würde, hätte man nur im Vorfeld die Bedrohung publik gemacht.

Im folgenden ging es noch kurz um den Unterschied zwischen linkem und rechtem Antisemitismus, der letztere vom Schlage eines Horst Mahlers sei nicht wirkungsmächtig, sondern "die letzte schäbige Ecke der Gesellschaft", von Menschen, denen man "schon 10 Meter gegen den Wind eine Verhaltsauffälligkeit" attestieren könne. Gegen die rechte Form des Antisemitismus zu sein sei heute common sense, dem würden selbst beinharte Antisemiten zustimmen, was sich etwa in der Konstellation der Gruppen gegen die Verzögerungen der Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter gezeigt hätte.

In einer Idealvorstellung würde sich eine Bürgerinitiative gegen das Nazizentrum B5 gründen, das geräumt werden solle, und deren Protagonisten bei jedem Propagandadelikt angezeigt werden sollten. Das Kino b-movie hätte die Veranstalter ins "offene Messer laufen lassen", da nicht von den Drohungen im Vorfeld berichtet wurde.

Nach der Pause kam das Publikum zu Wort; es wurden verschiedene Themen angeschnitten aber ein roter Faden in der Diskussion war nicht auszumachen.
Sören Pünjer gab noch kurz eine These zur Todesverfallenheit sowie zur Normalisierung Deutschlands versus der Globalisierung deutscher Ideologie.
Bevor die Diskussion ins völlig Bodenlose abzugleiten drohte beendete Tjark Kunstreich den Abend mit einem Schlußstatement. Der deutsche Import des Guardian (laut Kunstreich die wahrscheinlich antisemitischste Zeitung in Europa) durch Jakob Augstein wurde kurz angeschnitten und dann war der Abend an dieser Stelle zu Ende.

2 December 2009 at 01:10 - Comments
Hier der Link zur Hamburger Variante, kollektiv zu schweigen: http://www.antinational.de/hega/erklaerung.htm (siehe den Abschnitt "Eine unvollständige Chronik") Alles in allem scheint mir die ...
2 December 09 at 17:26
Simon
HH: Demo gegen "Antisemitismus von links" - eine rechte Schmierenkomödie! Am Sonntag, den 13. Dezember 2009, findet in Hamburg eine Demonstration ...
12 December 09 at 14:01

Die Designbuchhandlung

Als hätten die Bücher eine dicke Patina angesetzt. Passt ja zum Laden in der Ecke, wo die Wände mit bunt-bunt einen auf authentisch Berliner Hinterhof machen. Über die Street Art hier könnte man eine Schutzschicht ziehen. Die ganze Ecke ist sowieso ganz furchtbar und all die Leute hier. Im Flur zwängt sich eine Touristenfamilie mit Wanderrucksack und Outdoor-Schuhen an mir vorbei. Jack Wolfskin hat die Deutschen fest im Griff. "Das ist für Leute mit einem Fetisch, die sich nur noch diese Marke kaufen wollen" hieß es letzte Woche im Bekanntenkreis. Man könnte mich ja für einen Touristen halten, ich hab ja auch einen leicht prallen Rucksack… Wann war ich das letzte Mal hier? Einige Bücher standen damals schon hier, das muss so vor einem Jahr gewesen sein. Klassisches Phänomen aus der "Schöne Dinge Ökonomie". Läden, die eigentlich nur als Ausstellungsort für Waren dienen, die aber niemand kauft. Die ganzen Bücher funktionieren nur in ihrer Pluralität genau an diesem Ort, ein einzelnes zu Hause wäre langweilig, da guckt man doch nie wieder rein. Die Theoriesektion scheint aufgelöst worden zu sein, scheinbar muss man auch unter Designschnöseln nicht mehr auf intellektuell machen. Die meisten Künstlerinnen und Künstler sind eben dumm wie Brot, da muss man sich nichts vormachen. Haben halt gelernt ein paar nach Tiefsinn klingende Sprüchlein aufzusagen, aber das war´s dann mit dem Interesse für Bildung jenseits der Selbstmarketingdimension. Stand hier nicht letztes Mal noch Deleuze? Scheinbar nicht mehr, kauft doch eh keiner. Naja, so ein paar Bücher durchblättern und anfassen, das haptische, synästhetische ist ja ganz geil. So interessant ist Grafikdesign dann doch nicht. Ob man sich doch lieber in der Museumsbuchhandlung den Ausstellungskatalog gekauft hätte? Nee, doch besser nicht, die Futurismus-Ausstellung war mies kuratiert und das ist doch nur so ein blödes Bildungskanon-Thema. Interessante Comics scheint es auch keine zu geben. Da gucke ich doch lieber gleich noch in der Buchhandlung mit dem Philosophie-Regal vorbei.

28 November 2009 at 23:25 - Comments
aristid
hier arbeitest du aber auch ganz schön hart an deinem Selbstbild, oder? immer so einschluss und ausschluss. unterm strich: neurotitan ...
2 December 09 at 03:00

Eine Frage des Stils

In der Süddeutschen befindet sich eine Besprechung des neuens Buchs "Payback" von Frank Schirrmacher. Darin findet sich folgender Gedanke, der scheinbar als so relevant erachtet wird, dass ihm ein eigener Abschnitt zugedacht wird: Die Tatsache, dass in Schirrmachers Buch von "Tweeds" die Rede sei, wo eigentlich "Tweets" gemeint seien, würde sein Anliegen diskreditieren. Warum eigentlich? Wird der Sinn so grotestk entstellt, dass die ursprüngliche Intention nicht erkennbar ist durch diesen Fauxpas hindurch?

Eher werden hier beiläufig und unbeabsichtigt die Denkweisen der "digitalen Natives" aufgedeckt: Sich wie schon bei der Sache mit den Fisting-Attacken bei jedem Versprecher brüllend auf die Schenkel zu klopfen, wo doch immer nur die eigene Identität bestätigt werden soll: die anderen haben ja alle keine Ahnung, man selbst schwebt aber auf Distinktionswolke 7 über den Dingen und kennt genau die feinen Unterschiede zwischen digitalem Mikroblogging und Wollgarn (oder man schlägt schnell bei Wikipedia nach und fühlt sich aufgrund dieser Leistung ganz schlau, wenn man nicht genau weiß, ob Tweed nun eine Art zu Weben, eine Gewebesorte oder ein Muster bezeichnet) und kann so spielend alle neuen Trends und Gadgets einordnen. Der Blödian-Begriff der "digitalen Boheme" bringt hier entgegen der Intention seiner Erfinder die Idiotie auf den Punkt: snobistisches Überlegenheitsgefühl aufgrund der Kenntnisse der neuesten Moden. Wenn der heutige status quo nicht ein ganz altes Prinzip der Kulturindustrie ist, dann weiß ich auch nicht. Fashion Victims der besonders blöden Art.

25 November 2009 at 10:20 - Comments
Word. Ich habe lustigerweise das Buch grade auf meinem Schreibtisch liegen, und ein peinlicher Fehler bleibt es trotzdem. ;)
25 November 09 at 11:36