unkultur

Fachmagazin für nekromantischen Materialismus.

Bloggende Frauen… hier jedenfalls nicht

Gelinde gesagt überrascht war ich von den in wissenschaftlichen Kreisen zirkulierenden Erkenntnissen, nach der das Geschlechterverhältnis von Blog-Autorinnen und Autoren ungefähr gleich verteilt sei. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (diesmal werden in der SZ keine Thesen eines "Digitalen Maoismus" vertreten) kommentiert Jan Schmidt die Ergebnisse einer us-amerikanischen Studie zu Web 2.0 und das Verhältnis in Deutschland. Zusammenfassend: Frauen sind unsichtbarer und unterdurchschnittlich unter den bekanntesten Bloggern repräsentiert. Die letzte Studie dazu in Deutschland stammt von 2006 (wie weit es inzwischen zu Veränderungen gekommen ist, bleibt offen) und wurde von Jan Schmidt, der übrigens selbst ein Blog betreibt in einem neuen Aufsatz zum Geschlechterverhältnis im Netz nochmals aufgegriffen.

Meinen Alltagserfahrungen widerspricht die Studie jedenfalls gänzlich. Aber selbst wenn ich die Faktoren selektive Wahrnehmung und meine Interessen abziehe, sieht das Ganze für die linke Bloggosphäre nicht besser aus, wenn ich etwa die beiden Planeten olifani und x-berg miteinander vergleiche. Blogs von Frauen, die mir spontan einfallen würden? Schokolade. Scrupeda hat leider aufgehört zu bloggen. Natürlich noch das Kollektivblog mädchenblog. Und zu einem möglichen Einwand: nein, dass sich Jungs als "queer" definieren, zählt nicht. Bitter daran ist, dass gesamt gesehen knapp 50% Frauen bloggen.

Via wissenswerkstatt

Categories: Politik, vermischtes
linke blogosphäre=im weistesten sinne politische themen. und da scheint es zu hapern
12 April 08 at 12:53
Was hapert? Bei wem?
12 April 08 at 13:06
angesicht dessen, dass gender swapping im netz nichts unbekanntes ist, sind solche inhaltsanalysen – die erste datenquelle – halt wertlos; für ne umfrage u.a. nach schneeballballprinzip gilt natürlich das gleiche.

habe u.a. vor kurzem mal angedacht, die blogcharts zu verwenden für meine diss – konnte nicht mal fertig reden, da wurde ich schon massiv kritisiert. denn natürlich wird mithilfe von backlinks manipuliert.

Zwar dominiert bei Männern wie Frauen gleichermaßen
der Spaß am Bloggen, doch Frauen nennen signifikant häufiger Motive, die an das Verfassen eines Journals erinnern, also die Lust am Schreiben an sich, das Festhalten von Ideen und Erlebnisse für sich selbst sowie das von-der-Seele-schreiben von Gefühlen. Unter den männlichen Bloggern gibt es dagegen höhere Anteile, die anderen ihr Wissen in einem Themengebiet zugänglich machen wollen oder aus beruflichen
Gründen bloggen. Besonders deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigen sich schließlich auch bei den veröffentlichten Inhalten (vgl. Tabelle 4.6): Signifikant höhere Anteile der Frauen bloggen Gedichte, Liedtexte und Kurzgeschichten sowie Berichte, Episoden und Anekdoten aus ihrem Privatleben. Unter den Männern finden sich dagegen
signifikant mehr Blogger, die Beiträge zu aktuellen politischen Themen verfassen oder dem „Filter Blog“-Stil folgen, also andere Netzquellen kommentieren und verlinken.


und kurzgeschichten, schilderungen von gefühlen, berichte aus dem persönlichen leben (zB beruf*), liedtexte etc. sind per se unpolitisch? was steckt denn da für ein politikverständnis dahinter? ich denke, da wurde von feministischer seite schon genug dazu geschrieben.

*apropos: wer sich mal die tabelle auf der seite 81 anschaut, wird sehen, dass da nicht sauber getrennt wird. das überschneidet sich meiner meinung nach: “Berichte, Episoden, Anekdoten aus meinem Arbeitsleben, Studium oder Schule” und “Kommentare zu beruflichen, schulischen oder studienbezogenen Themen” — das sollte nicht passieren!
12 April 08 at 19:02
lange rede, kurzer sinn: es gibt sicher tausende von blog, auf denen sich kurzgeschichten finden, die hochpolitisch sind, und tausende blogs, die zum tausendsten mal irgendwelche beschissenen seo-tipps geben, auf dass der rubel rollt. womit wir auch wieder bei den erotik-layer wären ;)
12 April 08 at 19:07
haben untersuchungen nicht ergeben, dass gender swapping im netz die totale ausnahme ist?
13 April 08 at 03:06
ich hatte zumind. für ne qualitative studie keine probleme, interviewpartnerInnen zu finden. und kenne auch so zB einige “virtuelle frauen”. aber wenns da ne repräsentative studie gibt, interessiert mich das natürlich – hat ne quelle?

aber an meinem hauptkritikpunkt ändert das ja nix – dass die untersuchung der öffentlich/privat-dichotomie folgt. ganz klassisch durch die gegenüberstellung von traditioneller politik und privatleben. und auch durch zuordnung der unterschiedlichen genres zu ebendiesen feldern.
13 April 08 at 08:31
schmidt schreibts ja selber:

Letztlich reproduzieren sich so Zuschreibungen
von Relevanz, die das Privat-Persönliche gegenüber „härteren“ Themen aus Berufswelt, Technik oder Politik gesellschaftlich eher abwerten.


und einen grund, warum männer überrepräsentiert sind in diesen listen, nennt er selber, geht dann aber nicht weiter darauf ein:

Männer nutzen Weblogs dagegen häufiger, um ihr Wissen in einem Themengebiet mit anderen zu teilen und bedienen sich dazu auch häufiger der Praxis, auf andere Quellen im Netz zu verweisen und diese zu kommentieren. [....] sind unter den Autoren der meistverlinkten deutschsprachigen Weblogs Männer deutlich überrepräsentiert.
13 April 08 at 09:58
unkultur
Ich kann nur den Kollegen Scheckkartenpunk paraphrasieren, der bei der Gelegenheit meint, dass beim Gender Swapping die Vorstellung von Geschlecht nicht ändert, da jeweils nur das Idealbild des anderen Geschlechts dem Spiel zugrunde liegt: ein Mann spielt eine Frau so, wie er sie sich vorstellt, was aber nichts damit zu tun hat, was Frau-sein bedeutet (etwas holprig formuliert, ich hoffe, ich habe das jetzt ansatzweise korrekt wiedergegeben).

Ich frage mich aber eher, ob diese Trennung in private/öffentliche Themen und eine entsprechende Verteilung auf die Geschlechter ein Problem des theoretischen Forschungsdesigns oder der Realität ist. Ok, ich kann Tagebucheinträge als Politik bezeichnen, was aber nichts daran ändert , dass auf den oben genannten Planeten keine Frauen bloggen und unter den meistbesuchten und meistzitierten Blogs kaum welche von Frauen zu finden sind (in einem gestrigen Artikel in der FAZ werden immerhin 2 Bloggerinnen am Rande erwähnt). Oder übersehe ich da etwas?
13 April 08 at 11:49
selbst wenn man die öffentlich/privat-trennung in frage stellt, bleibt es auffällig, dass sich trotzdem so große unterschiede finden lassen. es macht halt schon eien unterschied, WIE ich mit privaten erlebnissen umgehe. wenn leute die nur aufschreiben, und keine reflexion auf andere ebenen machen, ist das in meien augen klar weniger politisch
13 April 08 at 16:18
Laura
@unkultur: na, ist klar, dass beim g.s. die g-dichotomie zugrunde liegt, und daher isses auch nicht sonderlich revolutionär (eher das gegenteil ist der fall). ich nenne g.s. sowie die möglichkeit des pushens von blogs durch massive verlinkung nur, um darauf hinzuweisen, dass man sowohl inhaltsanalysen von blogs als auch die blogcharts kritisieren kann. schmidt generalisiert, obwohl das bei so ner datenbasis nicht sein sollte.

unter den meistbesuchten blogs finden sich u.a. massenweise seo-blogs, meine ganz persönlichen lieblingsblogs, die sich dadurch auszeichnen, dass sie tagtäglich das verbreiten, was 10.000 kollegInnen vor ihnen auch schon verbreitet haben – und zu diesen 10.000 kollegInnen verlinken sie dann, weil es nämlich wirklich hochpolitisch und -brisant ist, dass das neue wordpress-update da ist. und dann spült sie technorati nach oben. wenn das keine strickblogs sind, dann weiß ich auch nicht.

und du kennst alle blogger vom blogsport.planeten in real? beeindruckend. und olifani ist doch ne auswahl, ne bewusste, oder? (womit du, wenn ich richtig liege, bemängeln würdest, dass zu wenige frauen “eure” polit. haltung teilen. – was dann mit bloggen an sich eher nur indirekt zu tun hat.)

@bm: schau dir mal die genres der vergangenheit an; hat kisch seine reportagen mit fiction vermischt? herzl? waren die waffen nieder unpolitisch, weil in romanform publiziert? kästners gedichte?

sagt doch niemand, dass die bloggerInnen nicht reflektieren, oder hast du das erforscht?
und was dann ja auch übersehen wird: dass öffentlichkeiten nicht vom himmel fallen, sondern eben genau in diesem (halb)privaten rahmen ihren ursprung nehmen. vllt wird ja in der kommentarspalte gemeinsam reflektiert.

zum schluss muss ich dann halt auch noch anbringen, dass es realtiv naiv ist, von frauen zu verlangen, dass sie “geschlechtsneutral” bloggen, während sich die reale welt halt noch nicht sonderlich geschlechtsneutral gestaltet. politik ist eindeutig codiert, man muss(te) merkel nicht schätzen, um zu checken, was da im wahlkampf vor sich ging. es ist ja ne illusion, zu meinen, die virtuelle welt sei anders als die reale welt. im großen und ganzen reproduziert sich hier doch alles nur. drum schreiben harte jungens an voll wichtigen seo-blogs und brave mädels an minderwertigen strickblogs. dass die einen blogs dann in ner untersuchung in der einen, die anderen in ner anderen landen, sagt trotzdem einiges über die untersuchung aus.
13 April 08 at 18:24
unkultur
In den Politkreisen gibt es schon Frauen – aber die bloggen nicht. Sollen die jetzt? Wat weiß denn ich. Das Ladyfest versucht ja etwa konkret Frauen zu ermutigen selbst Musik zu machen, da es in den meisten Musikszenen ähnlich finster aussieht, wie in bestimmten Blogkreisen. Wo soll man denn da anfangen, wenn die Subjekte schon von Beginn an darauf abgerichtet werden unterschiedliche Interessen zu verfolgen/ wünschen?
13 April 08 at 19:00
Aber, aber, mir fallen tausende von “Frauen”blogs ein. Z.B. Miamia, Anablog, tokiohotel4all, girl.anachronism, skinny-forever, anagela, ana-links, Anaballerina, Miabelle und und und…

Und ja, ich kenne antideutsche Frauen und Frauen die Vernünftiges bloggen. Dennoch wird die Frage nach der unisexuellen Ausrichtung mancher Foren und Blogs, die abseits der Thematik zu 100 % männlich sind, hier kaum befriedigend beantwortet und das ist auch nicht möglicht.
4 May 08 at 17:06
 
[...] im Artikel Bloggende Frauen… hier jedenfalls nicht bereits das Thema der ungleichen Repräsentation der Geschlechter auf Blogs angeschnitten wurde, [...]
Und ja, ich kenne antideutsche Frauen, und Frauen, die Vernünftiges bloggen.
ich habe mal die zeichensetzung optimiert.
6 May 08 at 12:40