unkultur

Fachmagazin für nekromantischen Materialismus.

Wie spricht die Kritik? Reflexion einer Vortragsveranstaltung.

Da denkt der Referent, die eigenen Thesen würden den Zuhörenden maximal ein müdes Lächeln entlocken, da "strukturellem Antisemitismus" bis zu "Tauschwert" an anderer Stelle schon breit – und das seit Jahren! – ausgeführt wurde und dann kommt die Überraschung: das Publikum hat von all diesen Dingen scheinbar noch nie etwas gehört.
Man wünscht sich als Referent Kritik, die auf Schwachstellen im eigenen Gedankengebäude aufmerksam macht.

Auf der anderen Seite ist das überraschend dann doch nicht, denn wenn alle Menschen das Fetischkapitel für common sense hielten, wäre die Gesellschaft eine andere. So aber mussten relativ banale Sachverhalte erklärt werden. Jeder kann auf myspace Musik einstellen, ja, aber dadurch wird Rupert Murdoch´s Plattform noch nicht zu einer anarchistischen Kommune. Denn dass letztenendes auch das Radio "umsonst" Musik liefert, sollte die Vorstellung entkräften, produzierte Kulturwaren gäbe es geschenkt. Möglicherweise sollte man sich immer ein paar streng konservative Sinnsprüche aus den 1950er Jahren bereithalten für die Verdeutlichung der Herrschaft der Ware: "Man bekommt im Leben nichts geschenkt!" – oder so ähnlich.

Letztenendes machte sich eine Kritik von seiten des Publikums an den Vorträgen an den vermittelten Emotionen fest: "Ihr seid so negativ" und mit Musik könne man Menschen froh machen. Letzteres wurde ja auch nicht bestritten. Zum einen: die feeling-well-Texte zur Musik gibt es bereits, wenn man das möchte. Nicht nur einige Cultural Studies-Texte, die ihren Gegenstand frenetisch abfeiern, in den 1990er Jahren mußten auch Leute wie Rainald Goetz zusammen mit Westbam Bücher auf die Menschheit loslassen, in denen nichts drin stand, außer, dass Party feiern ganz toll sei. Ähnliche Romane für die großen Gefühle gab es für Linke – etwa TAZ von Hakim Bey. Welchen Sound hat dagegen die Kritische Theorie? Die Frankfurter Rundschau meint etwa: "Adornos melancholische Beschreibungen der grundfalschen Vergesellschaftung entsprachen – was heute seltsam, unverständlich wirkt – so haargenau dem Lebensgefühl." (FR 13.2.07 Kosmonaut im Universum der Rede). Lebensgefühl also. "Melancholie" käme mir zumindest nicht in den Sinn, wenn ich an die Bahamas als Vertreterin der Kritischen Theorie heute denke. Wohl eher ätzende Polemik und schonungsloses Abwatschen. Der Neologismus "Zona" kann dafür als Beispiel gelten. (Was eine unbeantwortete Frage um so dringlicher macht: was für eine Art von Text produziert die Bahamas eigentlich? Diese eigenartige Mischung aus Wissenschaftlichkeit (im Sinne der Kritischen Theorie) und Polemik….). Wie stehen hier Form und Inhalt zueinander? Die Sprache anderer Vertreter der Kritischen Theorie ist eine gänzliche andere, etwa die von Roger Behrens.

Und da war es dann mehr der Sound als denn die Inhalte, die kritisiert wurden. Was ich aber durchaus in Kauf nehme. Denn "den Sound der Leute sprechen", das ist das Business der Parteilinken mit agitatorischem Auftrag. Man biedert sich an und liefert die Thesen, die die Leute hören wollen. Bauchgefühl und oft auch Ressentiment statt Reflektion. Unangenehme Wahrheiten lassen sich so nicht vermitteln. Zuallerst die von der eigenen Verstrickung in den Zuständen.
"Aufklärung muss in Schocks erfolgen" sagte Joachim Bruhn einmal auf einem Vortrag und so ein Schock, wenn Thesen ins eigene Weltbild krachen mit entsprechenden Abwehrreaktionen, ließ sich gestern ganz gut beobachten. Wenn selbst Basisbanalitäten Verwunderung und Erstaunen auslösen: "Was soll an der Deutschquote schlecht sein?"
Im Endeffekt bin ich froh, wenn Leute offen sagen, was sie denken – auch wenn ich die Aussagen nicht teilen kann oder teilweise furchtbar finde. Das ist mir allemal lieber, als hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln. Da macht es mehr Sinn, Meinungsverschiedenheiten offen zu artikulieren. Nur kann das auch bedeuten, das 2 Welten aufeinanderprallen, dass es keinen Ausgleich dazwischen geben kann. Ein Dialog zwischen Religion und Wissenschaft; zwischen Ratio und mystischem Raunen scheint wenig fruchtbar. Aber gelegentlich allemal sinnvoller als ein "preaching to the converted", was oft auch nur einen falschen Konsens vorspielt. Bestimmte Bücher und Zeitschriften mögen dann hervorragende Coffee table-Books abgeben mit denen die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe demonstrier wird. Was drin steht, bleibt jedoch verborgen.

Statt Codewörter abzufragen und doch nur Jargon unter Gleichgesinnten zu sprechen, müßte dagegen die Befähigung zum selbstständigen, mündigen Urteil des Individuums gefördert werden. Es gilt die Debatte um materialistische Positionen voranzutreiben. Die Fähigkeit sich Wissen aneignen zu können ist dazu entscheidend, evtl. sollte in Betracht gezogen werden, dass es auch Menschen ohne geisteswissenschaftliches Studium gibt. Wissen um Gesellschaftskritik zu vermitteln ist die vorrangige Aufgabe; auf dass diese –wann auch immer- praktisch und umwälzend werden kann.

Offene Fragen:
- Wenn alles Musik warenförmig ist, warum gibt es dann eine so große Bandbreite an Musik?
- Wo liegt der Unterschied zwischen Avantgarde und bloßer Neuerfindung eines Stils? Waren die künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts von Anfang an nur für ihr Ende in den bürgerlichen Museen bestimmt?

Categories: Kulturindustrie, Praxistest
Das geht aber schon etwas an der Diskussion der Veranstaltung vorbei. Zwar gab es im Publikum auch eine Ecke, die solchen Eso-Blödsinn von sich gab. Aber ich denke, dass war nicht der Grund dafür, dass es keine richtige Debatte gab. Ich denke eher, dass mindestens die Hälfte der BesucherInnen über die Tautologie des letzten Vortrags bestürzt waren, vor allem mit welcher Überzeugung banalste Verallgemeinerungen vorgetragen wurden.
Das Produkte, die in einer kapitalistischen, ergo warenproduzierenden Gesellschaft hergestellt werden immer auch strukturell mit dieser Gesellschaft verknüpft sind und innert kurzem als normalen Waren mit bestimmbaren Tauschwert identifiziert werden … dafür braucht man keine halbe Stunde reden, dass kann man auch so runterreißen. Die wichtigen Fragen, ob es zum Beispiel Veränderungen in diesem warenproduzierenden Regime gibt, ob außer dem Warenwert auch andere Dinge mittransportiert werden, wer überhaupt noch groß von Subversion redet und was weiß ich: das hätte Thema sein können. Aber ein Vortrag, der trotz relativer Länge inhaltlich im Erst-Semester-Adornos-Kulturtheorie-Einführungskurs stecken bleibt und eine Debattenführung, die Einwürfe eher abbügelt, als sie aufzunehmen, trägt halt nicht dazu bei, die Diskussion zu beleben.
Nicht, dass es nicht Versuche gegeben hätte. Aber sie wurden nicht aufgenommen. Letztlich war das von der Bühne schon ein Herunterpredigen der eigenen Überzeugung. Und zwar schon einigermaßen abgekapselt, da durch den ersten Vortrag schon die Cultural Studies als Unsinn abgewatscht war (sie wurde beschrieben als akademische Verlängerung der Jugendidentitäten der Forschenden und nicht mehr) und andere Einwürfe abgewiesen wurden. Wie soll man da ernsthaft diskutieren? Wie eine Frau im Publikum sagte (sinngemäß): “Es gibt Vorträge, da kann man einfach schon mitsprechen, so klar ist, was kommt.”
17 February 07 at 19:33
Ja, wenn an dem Abend alles so altbekannt, langweilig und einfach war, wäre es ja für das geniale Publikum ein leichtes gewesen, die Aussagen der Referenten/in zu widerlegen – was offensichtlich nicht geschah. Mehr als Plattitüden gab es vom Publikum nicht zu hören. Und auch im Nachhinein wird nur Phrasendrescherei abgeliefert – was der Vortrag hätte behandeln sollen.
Der letzte Vortrag hatte eben mitnichten eine halbe Stunde lang zum Thema, dass Kultur im Kapitalismus warenförmig sei – das war die Einfühung im ersten von vier Kapiteln. Behandelt das Kulturindustriekapitel den Übergang zum Postfordismus, Independent-Plattenlabels und Subkultur und strukurellem Antisemitismus, worum es in dem Vortrag ging? Egal, Chaze greift sich lieber das Schlagwort “Adorno” heraus und pöbelt passend dazu ein bißchen herum.
Aber genausowenig wie Chaze den Inhalt wiedergeben kann, kann er ihn kritisieren und verliert sich stattdessen lieber in eigenen Phantastereien, was denn angeblich gesagt worden sei. Ziemlich lustig ist auch der Vorwurf, es sei “tautologisch” darauf hinzuweisen, dass im Kapitalismus die Produktion warenförmig sei. Bei den Reaktionen, des ungläubigen Staunens und der Abwehrreflexe, die diese Aussage auslöste, scheint das Wissen darum kaum zum Allgemeingut zu gehören.
Vermutlich wäre man vor diesem Publikum mit einer Gebrauchsanweisung für das rechte Leben besser gefahren: Wenn ihr alle ganz toll links sein wollt, müsst ihr Platten einer bestimmten Band kaufen, denn die sind subversiv. Amen.
18 February 07 at 12:38
“Wenn alles Musik warenförmig ist, warum gibt es dann eine so große Bandbreite an Musik?”
Versteh ich nicht so recht. Wo ist denn genau der Zusammenhang zwischen abstrakter Form (Warenform) und konkreter Form (Sounds, Beats, Vocals, Dur/Moll, bla ..). Die abstrakte Form befördert in der Tendenz einen bestimmten Stil, den der leichten Musik, um mal so ein komisches Wort zu verwenden. Mehr aber IMHO nicht.
18 February 07 at 17:16
Also, dass ich pöble, wenn ich “Adorno” rausgreifen kann, ist tatsächlich mal ein neuer Vorwurf. Bisher klangen die eher anders.

Zur Verteidigung des Vortrags in deiner Antwort: es ist relativ irrelevant, was der Vortrag alles anreißt, wenn er jedes Verhältnis außerhalb des Verwertungszusammenhanges am Ende als Überbau dequalifiziert, in den man vielleicht gerade noch hineinwirken kann, obwohl das eigentlich alles nebensächlich sei. Es stellt sich bei dieser Geste doch die Frage, wozu den, wenn das Referat doch klar machen will, das jede Veränderung außerhalb der radikalen Veränderung der ökonomischen Verhältnisse doch nur den Charakter einer Substitution haben würde. Zumal zu den Entwicklungen in der Popmusik auch wenig mehr gesagt wurde, als “irgendwie hat es sich bewegt, aber strukturell blieb es doch gleich”. (Abgesehen vom Entstehen diverser Genres und Richtungen, aber das wurde auch eher als relativ nebensächliche Entwicklung abgetan.)
20 February 07 at 12:51
Du erfindest Aussagen, die nicht gefallen sind und bist nicht in der Lage das Thema des Vortrages zu erfassen. Eine Diskussion erübrigt sich. Falls du darüber erzürnt bist, an dem Abend nicht deine Gewissheiten bestätigt bekommen zu haben (“meine Plattensammlung ist Kommunismus” oder was auch immer): Du warst auf der falschen Veranstaltung.
22 February 07 at 10:46
Aixtron
Edit: Kommentare, die ein gewisses Niveau unterschreiten, werden gelöscht. Auf Wiedersehen.
24 February 07 at 22:49